• Das Interview mit Franco Stolz

    Publiziert am 30. November 2013

    Die beiden wohl wichtigsten Ereignisse im Dasein jedes Lebewesens sind die Geburt und der Tod.

    Sowohl die „Ankunft“ auf dieser Welt als auch die „Abreise“ sollten gewissen natürlichen Regeln folgen. Jedes Individuum wird nachhaltig davon geprägt, auf welche Weise es geboren wurde. Im Interview erläutert Franco Stolz die Zusammenhänge:

    Warum ist der Zeitfaktor bei der Geburt so bedeutsam?

    FS: Es gibt bei einer Geburt nicht nur ein „zu früh“ oder „zu spät“, sondern auch ein „zu schnell“. Eine zu schnelle Geburt ist für den Geist problematisch, weil er während des Geburtsvorgangs versucht, sich fest mit dem Körper des Kindes zu verbinden. Wird dieser Prozess durch eine zu schnelle oder überstürzte Geburt unterbrochen, kann das spätere Leben des betroffenen Menschen entsprechend beeinflusst werden.

    Was für Folgen sind zu befürchten?

    FS: Als Folge einer zu schnellen Geburt, dazu gehören auch Kaiserschnitt-Geburten, können sowohl physische als auch psychische Probleme auftreten. Da sich der Körper nicht optimal mit dem Körper verbinden konnte, sind betroffene Menschen oft nicht richtig geerdet. Sie haben häufig eine starke Sehnsucht nach der geistig-spirituellen Welt.

    Und was sind die Gründe hierfür?

    FS: Um diese komplexe Thematik zu verstehen, müssen wir uns zunächst mit der Rolle des Instinkts beschäftigen. Der Instinkt ist vergleichbar mit einem Computer-Installationsprogramm. Man klickt das entsprechende Kästchen an und löst damit einen vorprogrammierten Installationsprozess aus, den man selbst nicht beeinflussen kann. Erst, wenn die Installation abgeschlossen ist, kann der Benutzer über das Programm verfügen und die Kontrolle übernehmen. Der Geburtsinstinkt funktioniert ähnlich: Sowohl in der Mutter als auch im Baby ist ein Programm vorinstalliert, das in einem zuvor festgelegten Moment aktiviert wird, damit die beiden gemeinsam und in Harmonie mit dem Trennungsprozess beginnen können.

    Und was passiert, wenn Geburt und Programminstallation nicht konform gehen?

    FS: Nun, das Programm wird nicht einfach abgeschaltet. Es läuft, einmal aktiviert, so lange weiter, bis es seinen Zweck erfüllt hat. Nehmen wir als Beispiel eine typische Kaiserschnitt-Geburt. Stellen Sie sich ein Baby vor, das sich noch im Leib seiner Mutter befindet und sich darauf vorbereitet, den sicheren Hort zu verlassen und das „Licht der Welt“ zu erblicken. In diesem Moment dringt plötzlich ein Fremder durch die „Decke“ ein und befördert das Baby abrupt aus der warmen Geborgenheit in die grosse, kalte Welt hinaus. Das war’s dann. Kein stundenlanges Kämpfen, kein Gefühl der Befriedigung, wenn es das Baby schliesslich geschafft hat, den Schoss der Mutter zu verlassen um von ihr in die Arme gemommen zu werden. Aber das „Installationsprogramm“ läuft trotzdem noch. Alle Instinkte des Babys sagen: „Ich muss stossen und kämpfen. Solange ich dies nicht tue, bin ich noch nicht geboren.“ Der Geburtsinstinkt lauert also weiter auf seine Freisetzung.

    Und welche Konsequenzen kann eine solche Geburt nun haben?

    FS: Wieviele und welche Symptome auftreten und in welcher Intensität sie sich bemerkbar machen, hängt davon ab, wie schnell die Geburt vonstatten ging, ob das Kind zu früh oder zum richtigen Zeitpunkt auf die Welt kam, sowie von weiteren individuellen Besonderheiten.

    Können Sie trotzdem einige konkrete Beispiele nennen?

    FS: Sicher. Ganz verschiedene Reaktionen sind möglich:

    Als Kinder mögen es diese Menschen nicht, umarmt zu werden. Manchmal reissen sie aus und versuchen alles Mögliche, um zu entkommen.
    Als Erwachsene finden sie es oft schwierig, in Beziehungen zu bleiben. Wenn sie das Gefühl haben, geliebt zu werden, kommt der alte Instinkt ins Spiel und sie spüren das Bedürfnis, den anderen zu verlassen. Aber natürlich wollen sie, sobald sie gegangen sind, wieder zurück zu der Person, die sie gerade verlassen haben, genau wie ein Neugeborenes in die Arme seiner Mutter zurückkehren will. Doch oft ist es dann zu spät.

    Können Sie uns auch ein Fallbeispiel aus Ihrer therapeutischen Praxis nennen?

    FS: Einmal kam eine junge Frau zu mir, die ihren Freund innerhalb von drei Jahren sechs Mal verlassen hatte, bis er schliesslich die Beziehung endgültig beendete. Ich fand heraus, dass sie per Kaiserschnitt geboren worden war. Nie wäre sie selbst auf die Idee gekommen, dass ihre Bindungsängste etwas mit ihrer Geburt zu tun haben könnten. Dabei haben viele Menschen als Folge einer zu schnellen Geburt immer wieder das Bedürfnis, diejenigen wegzustossen, die versuchen, sie zu halten. Jedes Mal, wenn sie in die Arme genommen werden oder sich in einem engen Raum gefangen fühlen, werden sie plötzlich von dem Gefühl ergriffen, der Situation entfliehen zu müssen. Sie wissen nicht, warum es so ist, doch sie können es einfach nicht ausstehen, gehalten zu werden, schon gar nicht in einer festen Umarmung.

    Konnten Sie der jungen Frau helfen?

    FS: Ja, denn nachdem ich ihr die Zusammenhänge glaubhaft aufzeigen konnte, schaffte sie es mit meiner Unterstützung, ihre Problematik zu lösen. Heute lebt sie in einer glücklichen Ehe.

    Gibt es noch weitere, gängige Beispiele?

    FS: Manche Betroffene überkommt ein überwältigendes Bedürfnis, einen Raum sofort zu verlassen, sobald dieser sich mit Menschen füllt. Sie müssen immer wissen, wo die Tür ist und sich in ihrer Nähe aufhalten. Andere können nur bei geöffneter Schlafzimmertür oder einer sanften Beleuchtung schlafen. Nur die wenigsten haben auch nur den Verdacht, dass diese „Störungen“ mit ihrer Geburt zusammenhängen könnten. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.